Fit werden, fit bleiben

Auszeit oben am Berg

Weltweit war die Stelle ausgeschrieben worden: Für die 350 Jahre alte Einsiedelei bei Saalfelden im Salzburgischen Pinzgau wurde nach einem neuen Eremiten gesucht. Unter 50 Bewerbern konnten Pfarrer Alois Moser und Bürgermeister Erich Rohrmoser am Ende wählen. Eine gefestigte Persönlichkeit sollte es sein, die mit den kargen Lebensbedingungen der Saalfelder Eremitage – kein fließendes ​Wasser, kein Strom – auskommen kann. Mit dem 58-jährigen Belgier Stan Vanuytrecht hat man den richtigen Mann für die Einsiedelei gefunden.

„Er strahlt Ruhe aus und er wirkt gefestigt“, begründet Bürgermeister Rohrmoser die Entscheidung für den gut Deutsch sprechenden Katholiken und Diakon. Außerdem wolle der neue Einsiedler für längere Zeit in der Saalfelder Eremitage leben. Sein Vorgänger, ein Wiener Pfarrer, hatte es nur eine Sommersaison in der Einsamkeit ausgehalten.

Klause in 1400 Metern Höhe

Die Klause von Saalfelden mit ihrer grandiosen Aussicht liegt am Fels in einer Höhe von 1.400 Metern, sie kann nur von April bis Oktober bewohnt werden. In dieser Zeit kommen viele Einheimische, Gäste und Pilger, um die Stille hoch oben am Berg und den Blick in die Weite zu genießen. Sie kommen zum Gebet oder für ein Gespräch mit dem Eremiten über das, was sie bewegt und bedrückt.

Einsiedelei
In 1400 Metern Höhe wurde die Einsiedelei vor 350 Jahren in die Felswand gebaut.

Stan Vanuytrecht ist sich seiner verantwortungsvollen Aufgabe durchaus bewusst. „Ich möchte an diesem Ort für die Menschen da sein. Die Stille am Morgen und Abend und der intensive Kontakt mit den Besuchern sind für mich eine ideale Kombination“, sagt er. Sein eigener Lebensweg hat ihn durch manche Höhen und Tiefen geführt. Nach der Schule und einem abgebrochenen Studium trat er 1977 den Wehrdienst bei der belgischen Luftwaffe an. Dann absolvierte er die Ausbildung zum Artillerieoffizier und war zwei Jahre lang in Deutschland stationiert. Daher stammen auch seine guten Deutschkenntnisse. 1982 kehrte er an die Uni zurück und studierte Vermessungswesen. Als Vermessungstechniker war er dann bei privaten und öffentlichen Energieversorgern in Belgien tätig, auch im Management als Hauptverantwortlicher für ein Gasnetzwerk. Seit 2014 ist Vanuytrecht in Pension. Nebenberuflich engagierte sich der christliche Belgier im Sozialbereich und in der Kirche. Er absolvierte die Ausbildung zum freiwilligen Sanitäter und versah elf Jahre lang Nachtdienste in der Notaufnahme eines Krankenhauses. 2005 begann er mit der Ausbildung zum ständigen Diakon. Im Rahmen seines Praktikums betreute er Obdachlose, Alkoholkranke und Drogenabhängige. 2015 wurde er zum ständigen Diakon geweiht. In dieser Funktion unterstützt er seither den Pfarrer einer Dekanatskirche, besucht Häftlinge im Gefängnis und Patienten in einer Psychiatrie.

Zuhören und nicht urteilen

Stan Vanuytrecht hat schon vielen Menschen in schwierigen Lebenssituationen geholfen. Nach seiner Scheidung begann für den zweifachen Vater eine sehr harte Zeit. „Ich musste mit wenig auskommen“, erinnert er sich. Heute ist Vanuytrecht finanziell abgesichert, Wert auf Luxus und materielle Annehmlichkeiten legt er aber nicht. „Diese Erfahrungen sind meiner Meinung nach für einen Einsiedler von Vorteil. Es ist wichtig, zuzuhören ohne selbst zu sprechen und ohne zu urteilen. Ich möchte mich nicht aufdrängen“, beschreibt der Belgier seinen Umgang mit Menschen, die sich ihm anvertrauen.