Treffpunkt Gesundheit

Taube Ohren?

Hörfähigkeit von Kindern wird zu selten untersucht

Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt nur zu zwei Zeitpunkten untersucht – zu selten, sagen Wissenschaftler der Jade Hochschule in Oldenburg. Zudem sind die gängigen Methoden nicht geeignet, um die alters­typischen Hörprobleme zu erkennen. In einem neuen Forschungsprojekt entwickeln die Forscher jetzt ein mobiles System, um das Hörvermögen von Kindern verlässlich, kindgerecht und automatisiert zu überprüfen. Die Entwicklung des Hörens bei Kindern wirkt sich entscheidend auf die Entwicklung der Sprache aus. Auch der soziale und emotionale Entwicklungsprozess hängt von einem gesunden Hörvermögen ab. Bisher wird das Hören bei Kindern bis zum Schuleintritt zwei Tage nach der Geburt (Universelles Neugeborenen Hörscreening) und dann im Vorschulalter bei der Vorsorgeuntersuchung U8 und der Schuleingangsuntersuchung getestet. Das reicht nicht aus, findet Prof. Dr. Karsten Plotz von der Jade Hochschule.

Hörstörungen im Kindergartenalter

Erkältungsbedingte Mittelohrprobleme (Paukenergüsse) treten bei etwa 80 Prozent der kleinen Kinder auf. „Ein Paukenerguss tut nicht weh, daher sagen Kinder manchmal nichts, die Hörstörung bleibt unerkannt, obwohl ein Hörverlust von 20 bis 30 Dezibel damit einhergehen kann“, erklärt Prof. Karsten Plotz. „Zehn bis 20 Prozent der Kinder weisen bei der Einschulung eine chronische Mittelohr-Schwerhörigkeit auf“, berichtet der Wissenschaftler. „Dieser hohe Anteil verdeutlicht die Relevanz des Themas.“ Derartige Hörprobleme könnten massive Auswirkungen auf die Sprachentwicklung, den Lese- und Schriftspracherwerb und das Verhalten haben und so zu Schulproblemen oder -ängsten führen.

Optimierung der derzeitigen Screenings notwendig

Das Screening bei der Vorsorgeuntersuchung U8 ermittelt die Hörschwelle – also diejenige Lautstärke, ab der ein Kind ein sehr leises Geräusch gerade wahrnehmen kann. Aus Sicht der Wissenschaftler wäre es besonders wichtig, die Reife des beidohrigen (binauralen) Hörens zu überprüfen. Das binaurale Hören ist beispielsweise notwendig, um informationstragende akustische Reize von solchen zu trennen, die störend sind. Zudem ist das Hören mit beiden Ohren Voraussetzung, um die Richtung zu erkennen, aus der ein Geräusch kommt. Besonders wichtig ist das für die Sicherheit im Alltag, beispielsweise im Straßenverkehr.

Ein weiterer Kritikpunkt an derzeitigen Hörtests sei die unzureichende Definition von Normalhörigkeit. Alle Referenzwerte würden sich auf Erwachsene beziehen und auch hier gäbe es viele verschiedene Definitionen. Mit dem neuen System soll deshalb nicht allein die Hörschwelle, sondern es sollen auch Hörbereiche untersucht werden, die im Alltag relevant sind.

Kindgerecht, automatisiert, mobil

Damit das neue System in der Praxis oft eingesetzt wird, muss es flexibel und mobil sein. Es soll auch dort genutzt werden können, wo keine besonderen, schallgedämmten Räume zur Verfügung stehen – zum Beispiel in Kindergärten, Gesundheitsämtern, bei Kinderärzten oder auch in Inklusionsberatungs- oder sozialpädiatrischen Zentren. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,5 Millionen Euro gefördert und läuft bis Ende 2020. (Quelle: jadeHS)